Christoph Zehendners Reisetagebuch 2016

Im September-Oktober 2016 besuchte Christoph Zehendner die Nethanjakirche auf Recherchereise für das Buch, das im Mai 2017 erscheint. Hier seine Eindrücke!

Freitag, 23.9.

Nach dem guten Flug bis Delhi und der Pause in der Air India-Lounge geht’s am Nachmittag gegen 15.00 Uhr weiter. Knapp zwei Stunden über Land. Ich kann von oben Städte, Dörfer, Waldlandschaften und zum Schluss das Meer sehen. „Incredible India“ heißt es in der Tourismus-Werbung. Dann relativ pünktliche Landung in Vishakapatnam. Alle Koffer sind dabei, Gott sei Dank.

Vor der Tür warten Bischof Singh und sein Team. Auch wenn das Wetter hier tropisch feucht-heiß ist und die Welt so ganz anders aussieht und riecht als bei uns – diese lieben Menschen geben uns das gute Gefühl, nach Hause zu kommen. Zum Empfangskomitee gehören zwei schüchterne Jungs und ein eben solches Mädchen – alle zum ersten Mal bei einem Flughafen. Sie hängen uns riesige, duftende Blütenketten um. Und Singh erzählt mir: Das hier sind die drei Kinder aus sehr armen Familien, deren Schulbesuch meine Frau und ich jeden Monat finanzieren. Mit vergleichsweise wenig Geld kriegen sie so eine Zukunftschance. Wie schön, dass wir uns bei der Gelegenheit mal treffen!

Dann kutschiert der Bischof uns höchstpersönlich durch den dichten, lauten, chaotischen Stadtverkehr. Wir kommen an endlos vielen kleinen Buden mit Obst, Kokosnüssen, Gemüse usw. vorbei, an Straßenhändlern,  Imbissständen. Läden. Fahrradfahrer, Fußgänger und motorisierte Vehikel aller Art sausen kreuz und quer über die Kreuzungen. Wenige Ampeln und ein paar Polizisten versuchen, das Chaos in Grenzen zu halten.

Nach etwa 45 Minuten dann erwartet uns vor der Zentrale der Nethanja-Kirche eine bunte Schar von Kindern aus den Waisenhäusern, Mitarbeitern, Bibelschülern usw. Ein rhythmisches Lied, eine grazile Tanzvorführung, liebevolle Grußworte und viel Händeschütteln. Wir sind angekommen. Spürbar nicht als Fremde aus der Ferne, sondern irgendwie als Familienmitglieder.

Nach dem Abendessen schmieden wir Arbeitspläne für die nächsten Tage.  Ein Buch soll entstehen. Über Bischof Singh, seine Kirche. Die gute Arbeit die seine Brüder und er tun. Und vor allem über viele spannende Menschen mit einzigartiger Lebensgeschichte.

Samstag, 24.9.

Kann bitte mal jemand die Tür zur Sauna zumachen? Heiß und vor allem sehr feucht ist es heute. Selbst wenn ich mich nicht bewege, rinnt mir der Schweiß über die Stirn. Ein-zwei kräftige Wolkenbrüche hat es heute Nacht gegeben, alles ist klebrig-feucht. Tropenklima eben. Regenzeit. Bzw. die „Zyklon-Zeit“ direkt nach der Regenzeit, wie ich heute lerne. Muss man nicht unbedingt lieben…

Heute Morgen Begegnung mit drei starken Frauen: Allesamt Mütter, allesamt aus Elendsvierteln, allesamt HIV-positiv. Was für ein Schicksal! Doch mir sitzen drei beeindruckende Persönlichkeiten gegenüber. Ich staune, dass zwei von ihnen mir auch bei sehr schweren Gesprächsteilen geradeheraus in die Augen schauen. Ich höre ihnen gespannt zu, wie sie davon berichten, wie sie von der Gesellschaft, der Familie, den Freunden wegen ihrer Krankheit ausgestoßen wurden. Und zu neuem Selbstbewusstsein in der Gemeinde und bei Jesus fanden. Und wie sie daraus die Kraft beziehen, für ihre Kinder da zu sein, ums Überleben zu kämpfen, anderen zu helfen, denen es noch schlechter geht. Vor diesen Kämpferinnen (eine heißt übrigens: Vijaya,  zu deutsch: Die Siegerin) ziehe ich voller Respekt meinen Hut.

Als ich mich am Ende des Gesprächs bedanken will, sagt eine der Frauen: „In der indischen Gesellschaft interessiert sie niemand für uns. Keiner will etwas hören von den Schmerzen, die uns zu schaffen machen. Danke, dass Ihr Euch Zeit genommen habt, um zu hören, was uns bewegt!“

Mädels, das Zitat kommt genau so in mein Buch. Ich hoffe, dass ich Euch und Eurer Power damit ein kleines Denkmal setzen kann!

Am Nachmittag „müssen“ wir mitten im Großstadtgetümmel shoppen gehen. Denn am Mittwoch wird Stephen seine Sushmitha heiraten, und er hat uns als Ehrengäste eingeladen. Da will man doch anständig aussehen! Ich jedenfalls werde dann zu meiner schwarzen Jeans ein original indisches Leinenhemd ohne Kragen in einer Art grau-blau tragen.

Durch die Regennacht fährt uns KK (witziger Name, oder?) zuverlässig knapp vier Stunden lang nach Rajahmundry. Wir sind gut bei Gastgeber Pratap (ein älterer Bruder von Singh) und seiner Frau angekommen Morgen früh ist hier Gottesdienst, ich werde predigen und singen. Und am Nachmittag geht die Arbeit weiter.

Sonntag, 25.9.

So also fühlt sich Sauna im Gottesdienst an. In der Shalom-Gemeinde in Rajahmundry sitzen etwa 70 Menschen, als wir die Kirche eine Viertelstunde nach dem offiziellen Gottesdienstbeginn betreten. Doch dann kommen immer noch mehr. 150, 200, am Ende vermutlich 250 oder mehr Menschen.

Ich schwitze schon im Sitzen. Als ich zur Gitarre greife und wird’s noch schlimmer. Gemeinsam mit Petra und Michael singe ich „Du bist der Weg und die Wahrheit und das Leben“. Erst die langsame, „deutsche“ Version, dann schnell und groovig für die Inder. Die örtliche „Band“ fällt ein und groovt begeistert mit.

Dann die Predigt, möglichst nah bei den Menschen, frei, ohne Manuskript, englisch, auf Strümpfen (so ist das hier üblich). Ganz schön schweißtreibend…

Ich spreche über den Zöllner Levi, zu dem Jesus kommt. Und den er mit den Worten „Komm und folge mir“ in ein vollkommen neues Leben holt. Gemeinsam mit ein paar Jugendlichen und Kindern führe ich vor, was „Nachfolge“ sein kann: Einer geht voraus, die anderen hinterher und machen genau das nach, was ihr „Rabbi“ tut. Sie lernen von ihm. Levi lernt so von Jesus. Und auch wir können, dürfen Nachfolgerin und Nachfolger sein, uns von Jesus prägen und lehren lassen. WWJD – What would Jesus do? Als lebensverändernde Grundfrage.

Die Gemeinde hört sehr aufmerksam zu, scheint mir. Und dann soll ich noch ein Lied singen. „Immanuel“, die Gemeindeband spielt nach wenigen Takten mit. Und spontan beten soll ich. Und nach dem Gottesdienst am Ausgang Leute segnen, die besondere Unterstützung brauchen. Dutzende kommen. Männer, Frauen, Familien, alte Menschen, Ich segne jede und jeden Einzelnen, mal auf Deutsch, mal auf Englisch, immer mit dem Zeichen des Kreuzes auf der Stirn. Nach dem Gottesdienst Ende bin ich ausgepumpt, durchgeschwitzt und erledigt. Aber sehr dankbar für das besondere Erlebnis.

Der zweite Höhepunkt des Tages ist der Besuch des Shalom-Mädchendorfs am Nachmittag. Auf den ersten Blick ansteckende Freude von 120 Mädchen zwischen 6 und 15 Jahren. Tanz, Schauspiel, Lachen und Singen. Beim näheren Hinsehen ein Hoffnungsort, der Kinder aus fürchterlichen Familienverhältnissen Zuflucht bietet. Ich spreche mit drei süßen Teenagern, die aus armen und kaputten Familien stammen und deswegen hier leben müssen. Mit einem Mädchen aus dem Dschungel.  Der Vater schon lange tot, die Mutter an AIDS gestorben. Die Oma konnte sich nicht um sie kümmern, so wurde sie abgegeben im Mädchendorf und hat hier Heimat gefunden.

Besonders bewegt mich das Schicksal von Shamila. Eine stille 13jährige. Weit weg von Rajahmundry aufgewachsen, im indischen Bundesstaat Orissa. Dort haben in den letzten Jahren mehrfach fanatische Hinduextremisten Christen angegriffen. Mit Gewalt, Mord und Zerstörung gegen die wenigen Christen im Land.

Zu den Leidtragenden gehört Shamila. Ihr Vater,  Pastor einer kleinen Gemeinde im Dorf Anantapali, wurde totgeschlagen. Die Mutter versuchte, ihre fünf Töchter in der feindlichen Umgebung durchzubringen. Sie scheiterte. Heute ist Mutter selbst  psychisch krank. „Ich bin oft sehr traurig,“ gesteht Shamila. „Dann tut es mir gut mit den anderen Mädchen zu sprechen, Und mit Gott.“

Zwei Jahre lebt sie nun schon im Shalom Mädchendorf in Rajahmundry, höre ich. Dann fängt sie leise an, ein Lied in ihrer Muttersprache zu singen. Während sie singt, füllen sich ihre Augen mit Tränen. Als sie fertig ist, frage ich sie nach dem Text. „Ich habe ein Gebet gesungen. ‚Bitte Herr, hilf uns, steh uns bei in all den Schwierigkeiten, in all dem Leid.’“

Da schießen auch mir die Tränen in die Augen.

Montag, 26.9.

450 Kinder in Schulkleidung stehen auf dem Schulhof stramm. Ein Lied, dann das in Indien obligatorische Gelöbnis zu Schulbeginn, ein Gebet. Dann geht’s ab in die Klassenzimmer.

Das besondere an der Nethanya-Highschool in Rajahmundry, die wir heute morgen besuchen: Sie ist offen vor allem für die Kinder aus den Slumvierteln der Stadt. Für Kinder, deren Eltern keinerlei Schulgeld zahlen könnten. Die Schule bietet trotzdem so hohe Qualität, dass auch Eltern aus der Mittelschicht ihre Kinder hierher schicken. Und sie lädt ausdrücklich alle Kasten, alle sozialen Schichten und alle Religionen ein. Schuldirektorin Sunitha schafft eine offensichtlich gut funktionierende Mischung aus Disziplin und Freundlichkeit, christlichen Werten und liebevoller Offenheit.

Wie wichtig das ist, begreife ich im Gespräch mit zwei Schülerinnen. Malliswari hat früher erlebt, dass sie als Kind armer Eltern an einer anderen Schule gehänselt und geschnitten wurde. „Hier passiert mir das nicht, ich gehöre ganz dazu und lerne gerne hier“, schwärmt die 14 jährige. Berufsziel: Lehrerin.

Nach dem Schulbesuch steigen wir ins Auto und machen uns auf den Weg in den Dschungel. Aus der Stadt heraus, erst durch Dörfer und zwischen Reisfeldern hindurch. Allmählich wird die Gegend hügeliger, immer mehr und immer dichterer Wald säumt die Strecke. Dann steigt die Straße an, in unzähligen kleinen Serpentinen. Der Verkehr wird immer spärlicher, dafür tummeln sich Horden von Affen auf der Straße.  In den Siler-Dschungel führen nur zwei mäßig ausgebaute Straßen. Unser Fahrer KK kämpft mit  den Auswirkungen der Regenzeit, mit tiefen Schlaglöchern und überfluteten Teilstrecken, wir kommen an Erdrutschen und abgeknickten Bäumen vorbei.

Nach etwa drei Stunden landen wir im Dörfchen Dokaray. Hier führe ich ein bewegendes Interview mit Dekan Ratna Raju, der vor wenigen Jahren seinen Sohn verloren hat.

Noch einmal eine Stunde weiter, an dem Fluss Siler, nach dem die Gegend benannt ist erwartet uns das Städchten Sileru, unser heutiges Ziel der Reise.

Hier interviewe ich mit Hilfe von teilweise zwei Übersetzern (Deutsch-Telugu. Telugu-Bonda. Bonda-Telugu, Telugu-Deutsch. Bitte, wie war die Frage noch mal?) gleich eine ganze Reihe spannender Menschen. Z.B. drei Mitglieder des Naturstammes der „Bonda“ (deren Vorfahren noch bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts Kannibalen waren). Eine Frau, die als Teenager ihre Stimme verlor. Und die sie ausgerechnet beim Hören eines christlichen Kinderliedes wieder geschenkt bekam. Und einen Mann, der von den eigenen Eltern als Menschenopfer vorgesehen war, um die Götter zu besänftigen.

Unfassbare Lebensgeschichten höre ich heute, begegne spannenden Menschen, bekomme eine Ahnung von Verhältnissen und Mächten, die mir selbst ziemlich fremd sind. Im Augenblick habe ich noch keine Ahnung davon, wie ich zumindest einen Teil all dieser Gespräche in mein Buch einfließen lassen könnte. Es bleibt noch viel zu tun. Aber wir sind ja auch erst seit gut drei Tagen in Indien…

PS: Sagte ich schon, dass es hier sehr heiß und sehr feucht ist?

Dienstag, 27.9.

Der Regentag beginnt im verschlafenen Dschungelnest Sileru. Außer dem Muezzin morgens um 6 Uhr, ein paar vorbeibrausenden LKW und den Dschungelgeräuschen habe ich eine ausgesprochen ruhige Nacht hinter mir. Viel geschlafen habe ich trotzdem nicht.

Nach dem Frühstück über Dschungelstraßen zum künftigen Bauplatz einer Kirche. Noch grast hier der Wasserbüffel, schon im Februar soll Einweihung gefeiert werden. Aber nicht in einem großen Prachtbau, sondern in einem sehr einfach gestalteten, überwiegend von der Gemeinde selbst errichteten Gotteshaus. Das Kirchlein wird gleichzeitig als Schule und Sozialzentrum dienen. Bei Bedarf kann man drin schlafen. Und ich würde mich nicht wundern, wenn hie und da auch Mais drin getrocknet würde (falls ich vergessen haben sollte es zu erwähnen: Es ist sehr feucht hier…)

Im Ernst: Ich bewundere den Mut der Gemeindeglieder und des Pastors. Und sie scheinen sich zu freuen, dass wir uns für ihr Projekt interessieren.

Zwei Wegstunden weiter, in Godem steht schon eine Kirche. Direkt neben einem einfachen Kinderheim, in dem ein paar Kinder aus zerbrochenen Dschungelfamilien liebevoll betreut werden. Wir treffen hier – bitte haltet Euch fest – einen dreifachen Mörder. Und einen, der zehn Morde mitverschuldet hat. Abraham und David, zwei etwa 30 Jahre junge, sanfte Typen, waren mehr oder weniger freiwillig in den Kleinkrieg einer Dschungelguerilla gezogen. Bombenattentate, Überfälle auf Polizeistationen und Bautrupps, Einschüchterungen, Entführungen – das ganze Programm. Ihr Programm: Eine krude Mischung aus Mao und Lenin,  Unabhängigkeitsbestreben und Angst vor Fortschritt. Voller Ideale, aber auch voller Grausamkeit.

Dass diese beiden den Ausstieg schafften,  mit Polizei und Staat reinen Tisch machten und bewusst Gott um die Vergebung ihrer Schuld baten ist spannend wie ein Krimi.

Und dann erzählt  David auch noch davon, wie er die Witwe des Nethanya-Pastors, besuchte, den er verraten und damit dem Tod ausgeliefert hat. Wie er die trauernde Familie um Vergebung bat und mit ihr viele Tränen vergoss. Und von dieser Familie aufgenommen wurde wie ein liebes Familienmitglied…

Wow, was für Typen! Anschließend habe ich vier lange Stunden Zeit, auf der Heimfahrt über Gespräche und Begegnungen nachzudenken. Und dankbar zu bilanzieren: War schon wieder ein toller Tag!

Mittwoch, 28.9.

Hochzeitsspecial: Bollywood meets Hollywood – Die Hochzeit von Stephan und Susmitha scheint unter diesem Moto zu stehen. Für uns eine superspannende Erfahrung, von Anfang an. Der Bräutigam verspätet sich um 90 Minuten, die Zeremonie beginnt zwei Stunden später als geplant – aber das ist für niemanden ein Problem. Die Braut (im „westlich“ gestylten Kleid inklusive Gesichtsschleier) fährt ausgerechnet in dem Augenblick  auf den Hof vor der Kirche, als ein tropischer Regenguss volle Kanne herunterprasselt und den Platz in Matsch mit großen Pützen verwandelt. Auch das scheint niemanden weiter zu stören.

Singhs Bischofskirche ist zum „Fernsehstudio“ umgebaut. Drei Kameraleute und bis zu einem Dutzend Fotografen (mich mitgerechnet) verfolgen jeden Schritt des jungen Paares. Manche Szene muss kurz wiederholt werden, damit alle Bilder stimmen. Stehenbleiben, bitte hier hin drehen, jetzt dahin, die Brautjungfer noch etwas näher…

Bräutigam Stephen lächelt und lächelt und lächelt dabei, einfach professionell. Braut Susmitha dagegen zeigt ihr hübsches Gesicht erst kurz vor Schluss der Zeremonie, nach dem das Versprechen gegeben und der Schleier gelüftet ist. Statt Ringe zu tauschen legen sich die beiden frischverheirateten gegenseitig eine goldene Kette um. Und die „standesamtliche“ Trauung geschieht kurz vor dem Anschneiden der dreistöckigen Zuckerhochzeitstorte auch gleich durch den Bischof vor den etwa 300 – 500 Besuchern (es herrscht ein gewisses Kommen und Gehen).

Zu den Inhalten der Predigt und  der viele Grußworte kann ich nichts sagen, die sind in Telugu. Die Stimmung aber ist super, erstaunlich locker, fröhlich, informell. So feiern Mittelklassefamilien, die es sich leisten können, erfahre ich.

Und ich lerne: Als „Ehrengast“ auf einer indischen Hochzeit ist man fast so wichtig wie das Brautpaar. Und wird fast soviel fotografiert. Mein Lied „Neuland“, das ich für das junge Paar singe wirkt für indische Ohren wahrscheinlich ähnlich exotisch wie ein Bauchtanz bei einer Beerdigung in Deutschland. Aber alle sind glücklich und loben mich.

PS: Spannend, dass die beiden Jungverheirateten sich erst jetzt so richtig kennenlernen werden. Ihre Eltern haben mit dem Bischof zusammen lange überlegt und dann diese Verbindung gestiftet. Jetzt darf die Liebe sich entwickeln, sagt mir ein junger, glücklich verheirateter Inder. Ich wünsche den beiden von Herzen viel Glück und viel Segen für das Abenteuer Ehe!

Donnerstag, 29.9.

Gestern nach der Hochzeit sind wir hier angekommen, in einem kleinen Städtchen am Rande des Dschungels. Hier leitet Singhs Bruder Jeevan die  Organisation „Immanuel“ mit vielen verschiedenen Arbeitszweigen. Stark  und erfolgreich tätig im medizinischen, im pädagogischen und im geistlichen Bereich.

Wir haben uns schon im Voraus zwei Schwerpunkte gesetzt und erleben, wir richtig wir liegen:

  1. Menschen mit Behinderungen: Die junge Lehrerin Naga Lakshmi mit dem strahlenden Lächeln beindruckt uns. Dabei musste sie sich als Kind wegen ihrer missgestalten Beine buchstäblich durch den stinkenden Mist schleppen, den die Wasserbüffel ihres Vaters interließen. Erst in Kondala bekam sie Hilfe, wurde operiert, kann heute auf Krücken, aber selbständig gehen und unterrichten. Eine starke Frau! Überhaupt erleben wir: Behinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene werden hier auf sehr einfache, aber wirkungsvolle Weise gefördert und integriert. Sind dabei in Kindergarten und Grundschule, bekommen Unterstützung durch Physiotherapie, Kunsttherapie und viele andere kreative Formen. Erstaunlich modern. Inklusion zum Anfassen und Nachmachen.
  2. HIV-Patienten: Erschütternd das Schicksal von jungen Frauen wie Devika, die wir am Nachmittag kennen lernen. Als 14 jährige gegen ihren Willen an ihren 35 Jahre alten Onkel verheiratet, der gerade Witwer geworden war. 35 Tage nach der Hochzeit starb ihr Mann an AIDS, ein halbes Jahr später wird auch sie krank und erhält die Diagnose – HIV positiv. Durch Medikamente und gute medizinische Betreuung hat sie trotz vieler Infektionen mit der Krankheit leben gelernt. Jahrelang zog sie als Sozialarbeiterin durch die Dörfer, informierte über ihre Erfahrungen mit AIDS, riet schwangeren Müttern zum Bluttest und  Unterstützte von der Krankheit betroffene.

Heute ist Devika mit einem ebenfalls infizierten Mann verheiratet und hat mit ihm einen sieben Jahre alten Sohn – und der ist durch die richtige Betreuung während er Schwangerschaft kerngesund, hat sich nicht bei der Mutter infiziert. Für die junge Frau eine wunderbare Erfahrung. „Ich weiß gar nicht, wie viel tausend Mal ich Jeevan und den Leuten hier in Kondala danken soll“, sagt sie mir.

Nach dem Abendessen zurück nach Vishakapatnam. Nach „Hause“. Und morgen steht noch kein Termin auf dem Tagesplan. Wenigstens bisher noch nicht… J

Freitag, 30.9.

Als wir beim Frühstück beratschlagen, was wir uns heute so alles vornehmen, vereinbaren wir einen „lockeren“ Tag nach den Anstrengungen und vielen Fahrten der letzte Tage. Doch wir wollen auf jeden Fall noch mal vorbeischauen bei AIDS-Patientinnen aus einem Slum, die wir schon am ersten Tag zum Gespräch getroffen hatten. Wie leben sie und ihre Familien? Diese Frage beschäftigt uns.

Vishakapatnam dampft heute wieder. Als wir an dem Slum ankommen, in dem Vijaya lebt, beschlägt mir die Brille. Der Unterschied zwischen dem angenehm kühlen Auto und der Waschküche draußen ist heftig.

Noch viel heftiger das Elendsviertel im Dauerregen unter dem grauen Himmel. Zwischen Bahngeleisen und verdreckten Wasserläufen überall Müll, Plastikfetzen, Scherben. Dazwischen hausen Menschen in Hütten, zusammengezimmerten Verschlägen, unter Plastikplanen oder Dächern aus geflochtenen Blättern. Es stinkt zum Himmel! Doch sie lächeln uns freundlich an, begrüßen uns, fühlen sich geehrt, wenn wir sie fotografieren.

In dieser Umgebung kämpft die zweifache Witwe Vijaya ihren Überlebenskampf. Zwei Kinder versorgt sie (und wird dabei von der Nethanya-Gemeinde und von ihrer Mutter unterstützt). Der Name der schmalen Frau mit den traurigen Augen bedeutet zu deutsch „Die Siegerin“. Ich empfinde: Eine Kämpferin ist sie auf jeden Fall. Eine, die in ihrem Leid die Liebe Gottes erlebt. Sie begleitet uns zu dem Gemeindehaus, in dem sie – mitten im Slum – einmal im Monat einen speziellen Gottesdienst mit Frauen feiert, die alle HIV positiv sind.

Nachmittags spüre ich die Anstrengungen der letzten Tage in den Knochen. Nach einer ausgiebigen Mittagspause schreibe ich Vijayas Geschichte auf, auch die einiger anderer Frauen. Das Buch wächst und gedeiht. Die Lebensgeschichten inspirieren mich.

Nach der „Gebetsstunde“ am Abend (mehr als 200 Erwachsene und 100 Kinder singen mit mir den Satz „Gott hört dein Gebet“ auf deutsch, sehr rührend) sitzen wir Abends mit Singh zusammen. Ich lese Petra, Michael und ihm das Kapitel über den Slumbesuch vor, das ich heute geschrieben habe.

Samstag, 1.10.

Wow, heute war mal kurz die Sonne zu sehen! Und überhaupt machen wir heute eine wertvolle Erfahrung nach der anderen:

Morgens kommen uns Gouri und Lakshmi besuchen (nur zur Erklärung: Den Namen Lakshmi tragen hier sehr viele indische Frauen und Mädchen). Sie stammen aus der untersten aller Kasten, sind „kastenlose“ Dalits (=Unberührbare) aus einer sehr armen ländlichen Region. In einem Ausbildungszentrum der Nethanya-Kirche konnten sie ein Jahr lang lernen: Nähen und sticken, den Umgang mit Nähmaschine, Nadel und Faden, mit Stoffen und Kunstleder. Diese Ausbildung hat ihr Leben verändert. Mit kleinen Auftragsarbeiten steigern sie das Familieneinkommen. Sie helfen mit dazu, dass Schulden ihrer Familie abbezahlt werden. Und bewahren ihre Familien so vor der unheilvollen „Schuldknechtschaft“, in die hier viele arme Dalits verstrickt sind, Sie werden nicht ein Leben lang schuften müssen auf den Feldern eines Großgrundbesitzers, der eine Notlage ausnützt, um sie mit ihrer Arbeitskraft einen Kredit zurückzahlen zu lassen. Ihre Selbständigkeit macht Mut, das spüre ich den schlichten Frauen an. Und freue mich von Herzen mit ihnen.

 

Später besuchen wir Gedela Manikanta und seine Eltern. Sie sind nach einer Missernte und Hungerjahren vor sieben Jahren hier in der Großstadt gelandet, leben in einem erbärmlichen Haus und hätten nicht genug Geld, ihren 10 jährigen Sohn zur Schule zuschicken. Meine Frau und ich haben die Patenschaft für seinen Schulbesuch übernommen. Für die (für unsere Verhältnisse) sehr überschaubare Summe von 20 Euro kann er lernen und sich aus dem Elend herausarbeiten. Seine Mutter, der Mittelpunkt der Familie strahlt große Dankbarkeit aus. Und alle sind stolz, dass der „Pate“ aus der Ferne mal vorbeischaut. Sogar der Dorfhäuptling/Bürgermeister erweist uns die Ehre. Und schlägt vor: Eigentlich müsstet ihr die Tochter dieser Familie auch noch unterstützen. Sie besucht eine kostenlose, aber sehr schlechte Schule. Aber ihre Eltern gehören zu den allerärmsten hier und können sich einfach nicht mehr leisten.

 

Am späten Nachmittag treffen zwei Frauen und ein Mann aus Orissa bei uns ein. Orissa, der Nachbarstaat von Andra Pradesh (wo wir gerade sind) erlangte vor acht Jahren traurige Berühmtheit. Hindu-Extremisten stürmten Kirchen, brannten Häuser von Christen nieder, folterten und töten Pastoren und andere Christen. Diese Welle des Hasses erlebten auch unsere drei Gesprächspartner mit: Die beiden Witwen Ludhia Digal und Kadahapul Nayak (beide verloren ihre Männer während der Massaker), begleitet von Pastor Sudhir. Was sie uns erzählen, bewegt uns tief: Folterungen und Morde vor ihren Augen, brennende Kirchen und Häuser,  Hass, Hass, Hass. Die drei leben noch immer bzw. bewusst wieder in Orissa und stehen trotz aller Verfolgung zu ihrem Glauben.

Als ich sie frage, welche Botschaft sie als Christen aus Orissa den Christen in Deutschland mitgeben möchten, hören wir überraschendes: „Ich trenne gar nicht zwischen Christen bei Euch und Christen bei uns“, sagt mir Pastor Sudhir. „Wir gehören doch als Leib Christi alle zusammen. Wenn ein Glied an diesem Leib leidet, dann leiden alle gemeinsam.“

Was für ein weiser Satz.

Was für eine Verpflichtung für uns.

Was für ein Abschluss des letzten von schätzungswiese 30-40 Gesprächen, die wir hier geführt haben!

Sonntag, 2.10.

Einen solchen Rekordgottesdienst in der vollbesetzten Bischofskirche solltet Ihr alle mal miterleben: Als wir ankommen (ca. 10.30 Uhr, der Gottesdienst läuft offiziell bereits seit 10) gibt’s Superstimmung bei grooviger Musik. Lobpreis made in India. Ich bin etwas verblüfft, dass nur etwa 250 Menschen den Gottesdienst mitfeiern wollen. Doch nicht nur wir kommen zu spät (so gehört sich das hier für besondere Gäste): Immer mehr Menschen strömen in die Kirche, immer mehr Stühle müssen gestellt werden. Am Ende dürften es an die 600 sein, davon etwa 100 Kinder, die vor der ersten Stuhlreihe im Schneidersitz auf dem Teppich Platz nehmen. Und stundenlang mehr oder weniger still sitzen (manche schlafen auch einfach ein paar Runden, stört aber keinen) Der Gottesdienst dauert (all inklusive, z.B. Abendmahl, Predigt mit Übersetzung, Nachpredigt, Andacht, Kollektensammlung, Informationen usw.) geschlagene vier Stunden. Ein echter Marathon.

Mir gefällt die fröhliche, aber hoch aufmerksame Atmosphäre. Und als ich beim Abendmahl das Brot durch die Reihen trage, treffe ich auf viele ganz im Gebet versunkene Menschen. Eine berührende Erfahrung: Meine indischen Geschwister hier nehmen ihren Glauben sehr ernst, das ist richtig ansteckend.

Ich predige übrigens in einem Hemd, das mir Bischof Singh ausgeliehen hat. Und ein echtes Nethanya-Kreuz aus Olivenholz (wie es seine Pastoren tragen) hängt er mir auch um. Ich freue mich über das tiefe Vertrauen, dass er mir damit ausdrückt.

Am Nachmittag gönnen wir uns ein bisschen Erholung und gehen dann ein bisschen shoppen. U.a. Gewürze und Granatäpfel.

Dann haben wir ein sehr freundschaftliches Abschlussgespräch mit Bischof Singh. Wir sind dankbar für die arbeitsreiche, sehr harmonische und gelungene Zeit. Reich an Erfahrungen und Begegnungen. Begeistert.

Morgen sitze ich fast nur im Flugzeug. Zuhause dann mache ich mich dran, das Buch fertig zu schreiben. Im Mai 2017 soll es im Brunnen-Verlag herauskommen.

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