BILDER ZU UNSEREM ORISSA-BESUCH
Bilder der Zerstörung, der Trauer - und auch der Hoffnung
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ZU BESUCH IN ORISSA
Bericht vom Besuch von Bischof Singh von den KNN-CMI Vorständen Heiko Krimmer und Reinhold Rückle bei den Christen im Kandhamal-Distrikt in Orissa
Am 12. Januar 2010 sind wir nach Orissa gefahren.
14 Stunden Autofahrt, um drei Stunden Besuche dort zu machen – doch diese drei Stunden wurden zu den wichtigsten und bewegendsten unserer langjährigen Besuche in Indien.
Eine schmale Passstraße windet sich von der Ebene hinauf in den Kandhamal Distrikt in den Bergen der Eastern Ghats im indischen Bundesstaat Orissa. Viel Wald, kleine Dörfer und abseits der Verbindungsstraße nur Fußpfade und holprige Staubstraßen. Es ist eine friedliche und schöne Landschaft, doch wir kommen auch an vielen zerstörten Kirchen und Häusern vorbei. Die dunklen Schatten und die schmerzvollen Spuren der Verfolgungen im August 2008 legen sich auch auf uns, als wir drei Dörfer dort besuchen.
In Majumaha steht von der Kirche nur noch die Eingangsfassade. Sie ist völlig zerstört und verbrannt. Auch die über 30 Christenhäuser dieses Dorfes liegen in Trümmern. Die Christen dort nehmen uns mit hinein in die Zelte, in denen bis zu vier Familien leben und dann versammeln sie sich auf einem von Trümmern frei geräumten Platz und erzählen:
Es ist ihnen bisher verboten, Kirche und Häuser wieder aufzubauen. Sie bekommen als Kulis keine Arbeit mehr auf den Feldern. Allein vom Wald können sie nur mühsam leben: Sie sammeln Brennholz und aus Teakblättern machen sie die traditionellen Teller um sie zu verkaufen.
Sie können keinen Kontakt zu ihren Hindunachbarn aufnehmen, denn deren Leiter belegen ihre eigenen Leute mit hohen Geldstrafen, wenn sie mit Christen auch nur sprechen. Die Christen mussten einen eigenen Zugangsweg bauen, denn das Nachbardorf dürfen sie nicht mehr betreten. Die Leute dort sind stolz darauf, ein „christenfreies“ Dorf zu sein. Die Christen in Majumaha sehen kaum eine Chance, ihr altes Dorf wieder aufzubauen. Sie denken an eine Neuansiedlung an anderer Stelle aber wo und wie? Staatliche Stellen lassen sie völlig im Stich, auch der Polizeischutz, den sie am Anfang hatten, ist wieder abgezogen.
Der Hindutempel des Nachbardorfes liegt in Sichtweite. Mit einem kleinen Opfer dort könnten sie ihre Lebensumstände mit einem Schlag verändern – doch sie bleiben Christen und halten diese bedrückende Situation aus. Wir beten mit ihnen, versuchen ihnen Worte der Ermutigung und des Trostes zu sagen und schenken ihnen eine kleine Solarlampe als Zeichen der Hoffnung, dass sie sich weiter dem Licht Gottes zuwenden und nicht dem Dunkel der Verbitterung und des Hasses Raum geben. Unsere Worte reichen nicht weit, vielleicht war das Weinen mit ihnen das wichtigste, was wir ihnen da lassen konnten.
Als wir weitergehen, steckt uns jemand einen Zettel zu. Wir nehmen ihn, denn es ist üblich, dass bei solchen Gelegenheiten Bitten um Hilfe aufgeschrieben und Besuchern mitgegeben werden. Doch unser Erstaunen war groß, als wir den Zettel lasen: Nur Namen standen darauf: Sabush Najak, Jotsna Najak, Mihir Najak, Ladukisaver Digal, Mita Digal, … alle 34 Namen der Christenfamilien von Majumaha. Ihre Namen gaben sie uns mit. Sie nicht zu vergessen war ihre einzige Bitte.
In Banda Baju, dem nächsten Dorf, erwartet uns auch eine Gemeinde. Pastoren aus verschiedenen Freikirchen und auch ein Pastor der Church of North India ist dabei. Die Christen unterschiedlicher Kirchen sind durch die Not enger zusammengerückt. Die Situation hier ist ein wenig besser: Ihre Häuser sind nicht ganz so schwer zerstört, Kirche und Pfarrhaus konnten sie schon wieder aufbauen. Doch sie sagen uns: Häuser kann man wieder aufbauen – wie aber können die zerstörten Beziehungen zu unseren Nachbarn wieder aufgebaut werden? Früher lebten wir hier gut zusammen. Wir luden uns gegenseitig zu den Festen ein – doch jetzt dürfen sie nicht mal mehr mit uns reden!
Versöhnungsarbeit ist genauso nötig, wie Bauarbeiten an Gebäuden. Eine Lösung dazu haben sie nicht und wir auch nicht. Ob es möglich ist, von außen her Gespräche anzuregen und dazu Hilfen zu geben? Ob es einen Weg zur Versöhnung über die Frauen gibt? Oder über die Kinder – vielleicht mit dem Angebot von Schulen, in denen nicht nur Buchstaben und Zahlen, sondern auch Verständnis und Versöhnung gelehrt und gelernt werden könnte?
Bisirama ist unsere dritte Station. Schon als wir aus dem Auto steigen, sehen wir Anidha mit ihrer behinderten Tochter Simathi auf dem Arm und Chanchala, deren Mann und Sohn getötet wurden und die beiden Frauen mit den Stammestätowierungen im Gesicht und einige der Gemeindeleiter. Wir hatten sie vor einem Jahr in den Notquartieren der Nethanjakirche getroffen und ihre Geschichten gehört und mit ihnen geweint. Anidha mit ihrem unendlich traurigen Gesicht damals haben wir nicht vergessen. Die Ermordung ihres Mannes vor ihren Augen, die Strapazen der Flucht mit ihrem Kind, das hatte sie wie versteinert – und jetzt steht sie hier an der Straße und ihre Augen leuchten und sie strahlt und Simathi, der wir nie ein Lächeln entlocken konnten, lacht auf ihrem Arm. Wir erleben, dass ein Besuch, ein persönliches Anteilnehmen tatsächlich mehr bedeutet als jede materielle Hilfe. Anidha sagt: Dass Singh schon mehrmals gekommen ist, dass ihr heute zu uns gekommen seid, das ist eine große Stärkung und ein großer Trost.
In der Kirche versammeln wir uns zur Begegnung, zum Gebet und zum Gotteswort. Die Frauen sitzen wie üblich auf der linken Seite auf dem Boden, die Männer auf der rechten Seite. Unter den Frauen ist Lilima Najak. Sie arbeitet als Bibelfrau und sie möchte für ihren Dienst dazu lernen. Unter den Männern sitzen elf „independent pastors“, die ebenfalls Zurüstung für ihren Dienst brauchen. Sie fühlen sich überfordert in dieser schwierigen Situation und spüren, wie sie an Grenzen kommen. Für sie plant Bischof Singh eine „mobile Bibelschule“: In den wieder aufgebauten Kirchen sollen an verschiedenen Orten Sechswochenkurse zur geistlichen Fortbildung vor allem in der Seelsorge angeboten werden, damit die Pastoren ihre Gemeinden wieder versammeln und trösten und leiten können.. Hier soll also neben dem Aufbau der Gebäude die Stärkung und das Training der Gemeindeleiter kommen. Die missionarischen Christen der Freikirchen sind besonders schwer betroffen, da sie keine Hilfe von anderswo haben. Deshalb hat sich die Nethanjakirche über die Denominationsgrenzen hinweg ihrer besonders angenommen.
In Bisirama wohnen sie noch immer in Zelten, doch ihre schwer beschädigte Kirche haben sie wieder aufgebaut. Das halb zerstörte Kreuz über dem Eingang, aus dem Baustahlteile wie ein Gerippe ragen, haben sie so gelassen.– Doch daneben hängten sie in der Weihnachtszeit einen beleuchteten Stern wie über alle Kirchen und Christenhäuser. Auch über ihren Zelten und Notunterkünften leuchten diese Sterne. Die Wunden des schrecklichen August 2008 sind noch längst nicht verheilt – und doch leuchten wieder Weihnachtssterne.
Bischof Singh spricht zum Abschied von Vergebung und Versöhnung – und da fällt uns auf, dass wir an diesem ganzen Nachmittag kein Wort des Hasses, der Rache, der Vergeltung und des Unfriedens gehört haben. Viel Traurigkeit ist da, viele Wunden haben wir gesehen und manchen Schmerz, der nur zu ahnen ist – aber keinen Hass und keine Bitterkeit. Dagegen erlebten wir eine unendlich große und starke Treue der kleinen Christengemeinden im Kandhamal-Distikt in Orissa.
DIE HEILIGEN VON SEVA NAGAR
Die folgenden Bilder zeigen :
oben: Die Frauen beim Bibellesen
mitte: Vijaja
unten: Pastor Jesu Das
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AN EINEM HEILIGEN ORT
Warum Seva Nagar, „Stadt des Dienstes“, besser „Stadt der Heiligen“ heißen sollte
Ich weiß nicht, wie ihr euch einen heiligen Ort vorstellt. Heute war ich an einem heiligen Ort. Ein Ort voller Licht und Glanz und Schönheit Gottes.
Dieser Ort heißt Seva Nagar, Stadt des Dienstes, es ist ein Ort der Diener, der Sklaven, der Knechte, der Unberührbaren, der underdogs, der slumdogs. Seva Nagar ist ein Slum in der Millionenstadt Visakhapatnam. Ein Teppich von Lärm liegt von der Hauptstraße her über Seva Nagar: Unablässiges Autohupen und das Motorengedröhn von Bussen und Lastwagen, das Geknatter von Dreiradtaxis und Motorrädern, das schrille Klingeln von Fahrradglocken. Dazu kommt das Hämmern der Sikhs, die am oberen Eingang aus alten Ölfässern Haushaltsgeräte fabrizieren. Sie schaffen es, sogar den Straßenlärm mit ihren Hammerschlägen und zischenden Schweißbrennern zu übertönen. Unaufhörlich, 24 Stunden lang liegt dieser Lärm über Seva Nagar, nur in den wenigen Stunden nach Mitternacht ebbt er etwas ab. Es liegt auch eine Glocke von Gestank über Seva Nagar, denn auf der einen Seite fließt ein übelriechender Kanal, der nach den Regenfällen der letzten Woche über die Ufer getreten ist und alles mit seiner stinkenden Brühe überschwemmt hat und die Luft ist voller Ruß und Asche und Abgasen, die einem das Atmen schwer machen. Es ist ein Ort mit Lehmhütten und Holzverschlägen und Dächern aus Plastikplanen, ein Ort ohne Elektrizität, ohne Wasserleitungen. Etwa 2000 Menschen - vielleicht sind es auch 5000 - wohnen hier auf der Fläche von drei oder vier Fußballfeldern. Manche sind entstellt von Polio oder Lepra, viele sind mit HIV infiziert.
Doch die Gässchen und Wege – man kann nicht zu zweit nebeneinander gehen, so eng sind sie – sind gekehrt und sauber. Nicht das Meer Berge von Plastiktüten, in dem indische Städte und Dörfer versinken, nicht der übliche Unrat, den man vors Haus kippt – nein, alles ist sauber. Und Seva Nagar ist voller Leben, es spielt sich in den offenen Hütten und davor ab. Da wird gekocht und gelacht und gelernt und gewinkt, es wird auch gestritten und gezetert dort, das gehört zum Leben auch dazu.
Dieses Seva Nagar habe ich heute erlebt als einen Heiligen Ort, als einen Ort, an dem Heilige wohnen. Ich war schon öfter hier, ich kenne ein wenig das Elend, das hier herrscht - doch heute, an einem Spätnachmittag im Januar 2010 erlebe ich etwas von der Heiligkeit dieses Ortes. Nicht wegen der vielen kleinen Götterstandbilder in den Ecken und nicht wegen der drei christlichen Gebetshäuser und der Moschee, die es dort gibt. Seva Nagar ist ein Ort, an dem heilige Menschen leben und ich hatte das Vorrecht, heute einigen davon zu begegnen:
Mit Bischof Singh und Heiko Krimmer bin ich hierhergekommen, um Vijaja zu besuchen. Vijaja, die Aids hat und die als erste eine Nähmaschine durch unser Mikrokreditprogramm bekommen hat (Ich habe in einem unserer früheren Büchlein von ihr erzählt). Nun habe ich von Sujata, unserer Sozialarbeiterin gehört, dass sie die letzten Raten nicht mehr zurückzahlen konnte, weil sie nicht mehr nähen kann. Ihre Krankheit hat sie geschwächt und niemand weiß, ob sie sich noch einmal erholen wird. Ich möchte Vijaja noch einmal besuchen.
Pastor Jesu Das (Knecht Jesu) erwartet uns am Eingang des Slums bei den lärmenden Sikhs. Er hat von Polio verkrümmte Beine und schrecklich hervorstehende Zähne. Er hat einen Stock bei sich, an dem er sich fortbewegt, gehen kann er eigentlich nicht. Er ist ärmlich gekleidet.
Wir folgen ihm auf dem Weg durch den Slum und kommen bald an einer Gruppe von fünf Frauen vorbei, die auf dem kleinen lehmgestampften Vorplatz einer Hütte auf dem Boden sitzen. Drei von ihnen haben Bibeln auf dem Schoß. Sie lesen einander vor. Wir bleiben stehen und Singh spricht mit ihnen: Es sind Frauen aus unserer dritten Kleinkreditgruppe, die sich zweimal in der Woche hier treffen, um ihre Erfahrungen auszutauschen und um die Bibel miteinander zu lesen. Die Psalmen und den Kolosserbrief lesen wir miteinander, sagen sie. Wir beten mit ihnen und segnen sie, die in ihren ärmlichen Saris im Staub von Seva Nagar auf dem Boden sitzen und Bibel lesen und sich übers Besenmachen und Kleidernähen und den Verkauf von Haushaltsartikeln bereden und wie sie ihr Leben gestalten können und für ihre Familien sorgen. Heilige habe ich mir immer anders vorgestellt, aber Menschen, die sich an einem Ort wie diesem zusammenfinden, um ihr Leben und die Bibel miteinander zu teilen, das sind wohl die Heiligen, von denen Paulus in seinen Briefen schreibt. So werden sie damals in Korinth auch vor ihren Hütten gesessen haben, denn das Hafenviertel von Korinth war nichts anderes als ein Slum .– Doch die Menschen damals haben das Leben und das Gotteswort miteinander geteilt und deshalb redet sie Paulus so an: „Die Heiligen von Korinth“ und ich ergänze: „und die von Seva Nagar“.
Dann kommen wir zu Vijajas Hütte. Sie liegt direkt am Kanal, von der rückwärtigen Tür kann man ihn sehen – und riechen. Diesmal steht Vijaja nicht in der offenen Tür, drinnen wartet sie und lässt uns eintreten. Sie ist allein. Ja, sie habe viel Schmerzen, sagt sie und Singh übersetzt uns ihre Leidensgeschichte. eigentlich braucht es keine Übersetzung – wir sehen, wie schlecht es ihr geht: Sie hat Aids und braucht schon lange die lebensverlängernden Tabletten der Antiretroviralen Therapie (ART), aber jetzt hat sie mit den Nebenwirkungen dieser Mittel zu kämpfen. Fast unerträgliche Schmerzen in den Beinen. Jeder Schritt fällt ihr schwer. Ich bitte sie, sich doch zu setzen, Singh muss ihr gut zureden, bis sie es tut. „Wie geht es Ihrem Mann, Ihren Kindern?“, frage ich weiter. Ein trauriger Blick: „Mein Mann ist weggegangen, er hat jetzt eine andere Frau, die selber Kinder hat“. Er hatte sie schon einmal verlassen, doch damals, als sie die Nähmaschine bekam und arbeiten konnte, ist er wieder zurückgekommen zu ihr, damals hat sie ihn mir vorgestellt und gestrahlt – doch jetzt ist ihr Blick tränenverschleiert: Er ist weggegangen. „Und Ihre Kinder?“ frage ich weiter. „Sie gehen zur Schule“, sagt sie und ihr Blick wird wieder klar: „Wamsi ist jetzt 5, er geht schon in den Kindergarten“ – und wie aufs Stichwort kommt der Kleine zur Tür hereingestürmt und hängt sich an seine Mutter. „Meine Tochter Nila Veni ist acht, sie ist in der dritten Klasse, sie lernt gut“ sagt Vijaja . Unausgesprochen, aber unüberhörbar hängt die die Sorge um die Kinder im Raum. „Wovon leben Sie jetzt?“ „Ich bekomme durch den Aigaru (die höfliche Anrede für Singh) Reis und Öl. Wir können davon leben. Und sonntags gehe ich jetzt zur Gemeinde“, fügt sie an. Ich bin sprachlos – über den Glauben und die Gemeinde hier haben wir nie miteinander gesprochen, das war nie ein Thema geschweige denn eine Bedingung zur Hilfe.
„Und sonntags gehe ich jetzt zur Gemeinde, dort geht es mir gut, dort finde ich Ruhe“. Wir schweigen miteinander und wir alle sind den Tränen nahe. Wir beten mit Vijaja und segnen sie. Zum Abschied kann ich ihr nur sagen, was euch vielleicht platt und als fromme Floskel vorkommt, aber ich konnte nicht anders als Ihr zu sagen „Vijaja, ich weiß nicht wann ich das nächste Mal nach Indien komme und ob ich Sie noch einmal hier besuchen kann. Aber wir sehen uns wieder – und wenn es im Himmel ist“. Dann verabschieden wir uns voneinander. Ich möchte sie so gerne in den Arm nehmen, aber ich traue mich nicht – nicht aus Angst vor Ansteckung – sondern weil sie so zerbrechlich da steht, Vijaja, deren Körper sich kaum noch wehren kann gegen das Virus und die sich rührend um ihre beiden Kleinen kümmert und die jetzt sonntags zur Gemeinde geht“. Auch eine Heilige in Seva Nagar.
Ich werde sie in der nächsten Zeit so unterstützen, dass sie sich ums Überleben keine Sorgen mehr machen muss und sich ganz um sich und ihre Kinder kümmern kann. Es ist das wenigste, was wir tun können. Doch mir wird fast schlecht bei dem Gedanken, dass es hier unter den über 1000 Frauen von Seva Nagar noch viele Vijajas gibt. Viele zu viele, um allen einen Broterwerb zu schaffen, viel zu viele, um ihnen alle wenigstens die finanziellen Sorgen abzunehmen. Aber wenigsten die eine Vijaja erfährt Hilfe in Gottes Namen – und ein paar andere auch.
Pastor Jesu Das führt uns durch das Gewirr der Gässchen weiter zu seiner Kirche. Sie ist so groß wie unser Wohnzimmer, davon abgetrennt ist ein Zimmer, das „Pfarrhaus“, in dem er mit seiner Familie lebt. Doch die Kirche hat feste Mauern und ein gutes Dach und sogar Strom – wo immer der her kommt. Jesu Das hat als einer der Ersten in den 80er Jahren unsere Bibelschule besucht und dann ganz alleine diese Gemeinde mitten im Slum von Seva Nagar aufgebaut. Als ihm andere Christen Schwierigkeiten machten und ihm wegen seiner Behinderung die Leitung der Gemeinde wegnehmen wollten, wandte er sich um Hilfe an die Nethanja Kirche und kam mit seiner Gemeinde unter deren Dach. In Bischof Singh hat er einen Freund und guten Hirten gefunden.
Das erste, was ich in dieser Kirche sehe, ist ein großes weißes Blatt an der Stirnseite, über und über mit blauem Filzstift beschrieben. Das meiste in Telugubuchstaben, die ich immer noch nicht lesen kann, aber ein paar Worte sind auch auf Englisch: „K.R.Singh“ steht oben, weiter unten „Foster Pastor Jesu Das“ („Foster“ heißt „Pfleger“, so nennt und versteht er sich also). Bei uns war das früher auch ein Amt in der Kirche: Der „Heiligenpfleger“ war der, der für die Armenfürsorge, die Vorstufe unserer heutigen Diakonie, zuständig war. Alles andere auf der Liste scheinen auch Namen zu sein. „Das ist unsere Gebetsliste“, erklärt er. Jeden Freitag beten wir für alle diese Menschen. Was für eine Kirche! Kein Altar, kein Bild an der Wand, keine Bank, kein Stuhl – aber eine Gebetsliste an der Wand. Und ein Pastor, der sich auf die Gebetsliste seiner Gemeinde setzen lässt und sich „Pfleger“ als Amtsbezeichnung ausgewählt hat. Keine Kathedrale kann sich damit messen!
Ein junger Mann kommt zur Tür herein. Jesu Das stellt ihn vor und seine Worte sprudeln geradezu heraus aus ihm, um all das zu erzählen, was sie durchs Gebet erlebt haben: „Das ist Anand, er und seine Familie stehen auch auf der Liste. Sein Vater kam früher auch zur Gemeinde, aber dann hat er sich vom Glauben abgewandt. Er wollte nichts mehr davon wissen. Seine Frau, Anands Mutter, bat, für ihn zu beten – wir haben ihn auf die Liste genommen - hier, seht ihr: hier steht sein Name. Wir haben für ihn gebetet – und Gott hat uns erhört, er kommt wieder zur Gemeinde. Die ganze Familie ist so dankbar dafür. Sie haben kürzlich an Weihnachten ein Essen für uns alle gemacht, um ihre Freude mit uns zu teilen. Und Anand – nein, Anand sag selber, wie es dir geht“. Anands Augen leuchten. „Seit hier für mich gebetet wird, habe ich Klarheit bekommen. Ich wusste nicht, wie mein Leben weitergehen soll, ich war ziellos, was soll man in Seva Nagar auch für Ziele haben können? Doch mit Jesu Hilfe sehe ich wieder einen Weg für mich: Ich werde lernen, ich will einen Beruf lernen, der den Menschen dient“. Und mit Menschen wie Anand bekommt der Name Seva Nagar seinen Sinn: Stadt des Dienstes. Nicht Frondienst und Sklavendienst, nicht Dienst und Kampf ums eigene Überleben, sondern um anderen zu dienen. Kaum, dass Anand fertig ist, sprudelt Jesu Das weiter: „In Chellaka Petta, dem Slum dort hinten, haben wir jetzt auch eine Gemeinde. Eine Kirche haben wir noch nicht, aber eine Gemeinde ist schon entstanden. Wir sind schon dreißig Familien und treffen uns am Kanal, wo es ein wenig Platz hat. Leider riecht es sehr unangenehm, doch für den Anfang geht’s!“ Dann fährt er fort: „ Singh Aigaru, ich möchte Dich um etwas bitten: Ich bitte Dich nicht um Geld, ich bitte Dich, dass Du im Mai zu uns kommst. Wir wollen hier in Seva Nagar eine Evangelisation halten. Wirst Du an einem Abend kommen, um zu predigen und uns Gottes Wort zu bringen?“ Singh wird oft zu großen Evangelisationen eingeladen. Er spricht dort vor tausenden von Menschen. Er hat eine große Gabe, den Menschen das Evangelium von Jesus ins Herz zu sagen. Er hält auch zweimal in der Woche eine Predigt im Fernsehen und erreicht Zehntausende damit. „Ja, ich werde nach Seva Nagar kommen“, sagt Singh. Jesu Das strahlt und wenn es seine verkrüppelten Füße erlaubt hätten, hätte er zu tanzen angefangen.
Aus der Moschee hört man die Stimmen derer, die sich dort zum Abendgebet versammelt haben. Und wir gehen wieder hinaus aus Sevar Nagar. Wenn ich etwas zu bestimmen hätte, würde ich diesem Ort einen anderen Namen geben: Parashudha Nagar – Ort der Heiligen.
Mich hat dieser Besuch in Seva Nagar sehr berührt, darum wollte ich auch euch daran teilhaben lassen - Euer Reinhold Rückle
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Bischof Singhs Bericht von seinem Besuch in Orissa
Mein Besuch bei den Christen im Kandamal-Distrikt, Orissa
Es ist jetzt ein Jahr vergangen, seitdem die Christenverfolgung von Seiten der Hindus im Kandamal-Distrikt im Bundesstaat Orissa begann. Ein Hindu-Priester hatte schon länger sehr stark gegen die Naxal-Terroristen und Christen gepredigt. Nachdem die Naxals diesen Priester einige Male ergebnislos gewarnt hatten, ermordeten sie ihn im August 2008. Daraufhin eskalierte der Hass der Hindus auf die Naxals und auch Christen. Viele Christen flüchteten und 120 Familien wurden in unseren UCIM Nethanja Zentren aufgenommen. Im Juni dieses Jahres gingen diese Familien zurück in ihre Dörfer, um sich der Situation zu stellen.
Am 29. August reiste ich in den Kandamal-Distrikt, um den Christen durch einen Besuch Mut zu machen und sie zu unterstützen. Nach 400 km und 8 Stunden Fahrt erreichten wir den Kandamal-Bezirk. Als ich dort ankam, erschreckten mich die verschiedenen Aspekte des Christenlebens dort. Äußerlich hat sich die Situation seit einem Jahr nicht geändert. Die Verfolgung durch die Hindus und das Leben in den Flüchtlingszelten ist zur Normalität geworden.
Der Pastor, der mich begleitete, erwähnte ein Flüchtlingslager am Weg, als wäre es ganz selbstverständlich, dass es existiert. Sofort habe ich gebremst, um anzuhalten, auszusteigen und den Menschen dort einen Besuch abzustatten. Gerade am Tag zuvor war ein Hindu mit einer Handbombe in das Lager gekommen, um diese Bombe auf ein Zelt zu werfen, berichtete uns der Kirchenälteste. Die Bombe explodierte aber in seiner Hand, da er betrunken war. - Ich sehe Furcht in den Augen der Menschen hier wenn ein Fremder auftaucht.
Die Regierung von Orissa hat die Situation für normal erklärt. Der indischen Zentralregierung gegenüber sagen sie, dass alles „unter Kontrolle“ ist, sodass seit Juni 2009 kein Polizeischutz und keine staatliche Wasser- und Lebensmittel-versorgung mehr nötig sei. Sie haben den Christen gesagt, dass sie zurück in ihre Dörfer gehen können. Aber die Situation der Verfolgung hat sich real überhaupt nicht geändert. Die Medien schweigen zu diesem Thema. Als ich nachts zurückfuhr, wurde ich allerdings von zwei Polizisten in meinem Auto begleitet. Ein Anschlag auf einen Bischof aus Visakapathnam würde für Medieninteresse sorgen.
Die Christen können sich nicht frei bewegen, da die Polizei ihnen keinen Schutz vor den Übergriffen der Hindus auf der Straße gewährt. Wenn sie in ihren Dörfern arbeiten, bekommen sie weniger Lohn als die Hindus. Außerdem sind alle Materialien für die Christen teurer geworden. Die Transportunternehmer sind alle Hindus und sie verlangen zu viel Geld für die Baustoffe. Deshalb können die Christen ihre Kirchen und Häuser nicht wieder aufbauen. Außerdem kämpfen sie zunächst um das tägliche Überleben.
Die Christen möchten zurück in ihre Dörfer gehen, aber die Hindus verlangen, dass sie ihren Glauben aufgeben und Hindus werden, damit sie zurückgehen können. Diese Christen kehren in die Flüchtlingslager zurück. Die Christen überlegen, in eigener Gemeinschaft im Dschungel zu leben und dort Häuser zu bauen, aber ihnen fehlen die Mittel.
Auf meinem Weg habe ich geplünderte und verwüstete Kirchen besucht, die meisten durch Bomben oder Brandstiftung zerstört. Vor den Kirchen leben die Flüchtlinge in Zelten. Vier Lager habe ich besucht, habe ihnen durch das Wort Gottes Kraft gegeben. Es hat mein Herz sehr bewegt zu sehen, wie sie für ihren Glauben leiden und mit welchem Mut sie für ihr Leben kämpfen, ohne Kompromisse einzugehen. Die Frauen stellen Blattteller her und verkaufen diese. Sie essen nur einmal am Tag. Sie beten und leben die christliche Gemeinschaft in zerstörten Kirchen.
Ein Pastor erzählt mir, dass die christlichen Gemeinschaften durch diese Verfolgung getrennt werden und verstreut leben. Hindus wollen die Kinder ermorden weil sie künftig eine starke Generation bilden werden. Die drei Kinder dieses Pastors leben jetzt in drei verschiedenen Bundesstaaten und er fragt sich jeden Tag, wie es ihnen dort geht.
11 Familien leben in einem Zelt, als Trennwände nur Saris, berichtet ein anderer Pastor. Diese Situation brachte uns dazu, in der Liebe zu Jesus zu leben, ohne zu streiten und ohne moralische Probleme.
Ungeachtet der verschiedenen Kirchenzugehörigkeiten besuchte ich als Bischof der Nethanja Kirche viele Pastoren und Kirchenälteste, um mit ihnen zu beten. Ich versprach, in dieser Not als ein Freund hinter ihnen zu stehen. Ein Pastor umarmte mich im Auto und sagte mit Tränen in den Augen, dass viele Menschen auf vielen Wegen geholfen haben wenn die Flüchtlinge zu ihnen gekommen sind, aber ich sei der einzige Bischof, der den weiten Weg von Andhra Pradesh gekommen sei um sich die Menschen und die Lage vor Ort anzusehen.
Nachdem ich die Situation mit eigenen Augen gesehen und mit den Orissa-Pastoren diskutiert habe, ist in mir die Idee eines Fünf-Punkte-Planes gereift, um die Christen geistlich, finanziell und mit Taten zu unterstützen. Ziel ist es, dass sie auf eigenen Füßen stehen, die Kirchen ein „normales“ Gemeindeleben aufnehmen können und die Familien wieder zusammengeführt werden.
Bitte beten sie weiterhin für die Christen in Orissa. Sie brauchen viel Unterstützung als Brüder und Schwestern in Jesus Christus.
Bischof Singh
Nethanja Kirche
Fünf-Punkte-Programm für die Christen Orissas
Januar 2010 bis Januar 2015
1. Geistliche Unterstützung der Pastoren und Kirchenältesten durch eine mobile Bibelschule zur besseren Betreuung der Gläubigen und der Gemeinden. Es gibt viele unabhängige Evangelisten und Pastoren ohne geistliche Führung.
2. Unterstützung beim Wiederaufbau der Kirchen als Zeichen des Sieges Jesu.
3. Finanzielle Unterstützung für das tägliche Leben und den Wiederaufbau der Häuser.
4. Hilfe zur Inanspruchnahme der Bürgerrechte und Durchsetzen eines Polizeischutzes für die Christen.
5. Den Kindern einen regelmäßigen Schulbesuch ermöglichen.
Bischof Singh bei seinem Besuch in Orissa
Bei seinem Besuch in Orissa konnte Bischof Singh die Not der christlichen Gemeindemitglieder hautnah erleben.
Durch seine Anwesenheit konnte er vielen Menschen Trost und Hoffnung spenden














